Autor: Clara Brahms

Stichwort: Vorlesen

Ich sage zu meinem Sohn: „Siehst du, das ist perfekt mit der Schule, bald kannst du alles selber lesen!“ Und mein Sohn antwortet mir: „Du sollst mir aber vorlesen!“ Zeit, um drüber nachzudenken, was es mit dem Vorlesen so für sich hat und außerdem gibt es ja auch den aktuellen Anlass … Der aktuelle Anlass ist streitbar. Es handelt sich um die geplante Aktion der Stiftung Lesen zum diesjährigen Weltkindertag. Nun ja, es muss jeder selbst beurteilen, was sie/*/er davon halten möchte. Eines wird jedenfalls deutlich: Das Vorlesen hat eine ganz andere Dimension als das (selbst) Lesen und als das Bücherverschenken. Es gibt eine ganze Reihe von gemeinnützigen Bemühungen, die das Lesen fördern. Es gibt auch eine ganze Reihe von gemeinnützigen Bestrebungen, Bücher unter die Leute zu bringen. Und es gibt die, die das Vorlesen fördern. Warum das extra? Ich persönlich glaube, dass das Vorlesen etwas mit uns macht, was die beiden anderen Sachen nicht können: Vorlesen schafft ein Universum um mindestens zwei Menschen. Einen, der liest. Mindestens einen, der zuhört. Es ist also im …

Wort des Monats August: Blatt

Zwischen Blatt und Laub unterscheiden wir so, dass uns Blatt das einzelne, Laub die Masse der Blätter bezeichnet. Das Blatt ist ein Wort, das uns in vielen Zusammensetzungen begegnet. Vom Herzblatt bis zum Schulter- und Türblatt. Für sich, nur als Blatt, genommen, spannen Goethe und Schiller zwei seiner Hauptbedeutungen auf: „… fortgeschleudert, wie das Blatt vom Baume verlier ich mich im grenzenlosen Raume …“ So bereut und ängstigt sich Beatrice in Schillers „Braut von Messina“, und meint den verlorenen Schutzraum, die völlige Vereinzelung, den Verlust des Vertrauten. Das einzelne Blatt wird zum Symbol des Herausgerissenseins. „… nun wendet sich das Blatt, fängst wieder an zu lieben.“ So sinnt Alcest vor sich hin – bevor er entdeckt, dass sein Geld entwendet wurde und sofort seine Geliebte verdächtigt. In diesen Worten und dem Handlungsverlauf wendet sich das Blatt zweimal in sehr kurzer Zeit. … und weiter in Goethes „Die Mitschuldigen“ noch einige Male. Das einzelne Blatt wird das Symbol der Wendung, nach der die Dinge sich anders zeigen als zuvor. Die völlige Vereinzelung und die völlige Kehrtwendung …

Wort des Monats Juni: Schaum

träume sind schäume Schaum entsteht aus Bewegung. Wie die salzige Gischt auf den Wellen, der süße Schaum auf dem Wein, der schweißige Schaum vor dem Maul der Pferde. Er ist ein weiches, blasiges, zartes, immer oben schwimmendes und dabei vergängliches Gebilde. So vergänglich wie es die Redewendung sagt: Träume sind Schäume. Woher kommt die Übertragung? Die Metapher vom Schaum gehört in den Bereich der Vergänglichkeit und der Nichtigkeit alles Irdischen, seines Leides und seiner Lust (Grimmsches Wörterbuch). Da ist der Schaum der Sterblichkeit, die Wertlosigkeit mancher Lebenszeit. Da ist auch die Freude und das Glück, perlender Schaum an der Oberfläche der stürmischen Lebensfluten. Der Traum, wesenloses Schattenbild ohne Leben und Erfüllung, ist reinster Schaum. Denn der Traum entsteht aus den vergänglichen Regungen der Menschen. Sie und ihr bewegtes Leben werden Schaum, der Traum ist immer schon Schaum. Aus Schaum gemacht, von Anfang an auf der Oberfläche der Lebenswellen schwimmend, ohne Tiefgang. Vergänglich, und doch immer wieder neu aufschäumend. Immer wieder neu geträumt von uns Menschen.

Wort des Monats Juni: flicken

einem am zeuge flicken Die Redewendung „jemandem am Zeug flicken“ ist wohl noch am ehesten bekannt. Die Handarbeit des Flickens kennt man auch noch, wenngleich sie kaum mehr beherrscht wird. Dann hört es nahezu auf. Doch Flicken tauchte früher in allen möglichen sprichwörtlichen Redewendungen auf. Hier einige dieser Fundstücke aus dem Grimmschen Wörterbuch: „niemand flickt ein alt kleid mit einem lappen von neuem tuch“  „in den stand der geflickten hosen kommen“ (heiraten) „wer einen narren leret, der flicket scherben zusammen“ „und wenn der arzt schon lange dran flickt, so gehets doch endlich also‚ heute könig, morgen tod‘“ „geflickte lieb oder freundschaft wird nimmer ganz“ „sich flicken“ (sich satt essen) Reich an Bedeutungen ist flicken ein lebenserfahrenes Wort, das die Vergeblichkeit mancher „Flickschusterei“ auf sein Korn nimmt.

Wort des Monats Mai: weise

bedeutet seiner herkunft nach ‚wissend‘, und zwar zunächst‚ wissend um eine sache, erfahren, kundig‘ Jakob und Wilhelm Grimm schreiben im Deutschen Wörterbuch (1955), Band 14, was es dazu noch heute zu sagen gibt: Heute ist weise in verschiedene Bezirke auseinander gefallen, die sich gegenseitig ausschließen. Diese gegensätzlichen Spannungen geben dem heutigen Wort seine besondere Art. Sie lassen sich im Wesentlichen zurückführen auf das Auseinanderfallen von weise und wissend, von Leben und Lehre. Im Hintergrund stehen verwickelte Vorgänge im Geistesleben des Abendlandes: Die Loslösung der Wissenschaft vom Leben, die Trennung von Weisheit und Wissenschaft, die es möglich macht, dass der ‚philosoph‘, der Weise, nicht mehr weise im eigentlichen Sinne zu sein braucht, die Scheidung von weltlicher und göttlicher Weisheit (Bibel). Weise ist, wer einer Sache gewiss wird, ist und Andere weise machen kann. Nicht, Anderen etwas weis- und also vorzumachen. Allerdings setzt dies im Wortkern, und so wir würden weise werden wollen im Leben, das Talent voraus, vermeintlich getrennte Dinge umfassend zu verbinden.

Wie gehen wir mit der Würde des Menschen um? – zum Stiftungskaffee im Haus der Braunschweigischen Stiftungen

Heute um 10:00 lud das Haus der Braunschweigischen Stiftungen zum Stiftungskaffee ein. Der Plan: Lockerer Austausch unter Interessierten mit Impulsen von Prof. Dr. Göring, ZEIT-Stiftung und Tobias Henkel, Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz. Die Ausführung: hier zu lesen. Zunächst einmal die Zahlen: 90 Minuten, 2 Gedichte, 2 Impulsgeber, 20-30 Teilnehmende aus unterschiedlichsten Berufsfeldern. Was sich nicht in Zahlen fassen lässt: die Anregungen. Den Anfang machte Prof. Dr. Göring mit folgenden Fragen: Wie gut ist die Sichtbarkeit von Stiftungen und wie klar, das heißt erfassbar, ist ihr Profil? Wie steht es um die Ertragssituation, gerade der kleineren Stiftungen und stellen Kooperationen, bzw. Netzwerke, eine Lösung dar, die nachhaltige Wirksamkeit von Stiftungen zu verstärken? Wie gehen wir (die Stiftungen als unverzichtbarer Bestandteil einer sich als demokratisch verstehenden Gesellschaft) mit der Würde des Menschen um? Das umfasst beispielhaft Themen wie Integration, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Qualitätsjournalismus als vierte Gewalt, künstliche Intelligenz als Ablösung für menschliche Arbeit, …? Wie steht es um den Plattformgedanken von Stiftungen? Ist der noch zeitgemäß und was ist mit dem Gedanken der „Advocacy“, Advokatentum als Sprachrohr der Gemeinnützigkeit? …

Wort des Monats März: Erde

eines so durchgreifenden, altverjährten wortes ursprung verliert sich im dunkel Erde – eines der ganz wenigen Worte, die einen unvermittelt wissen lassen, dass auf sie kein Verzicht ist. Bei aller Modernität zwischen Beton, Plastik und Metall. Bei aller Hygiene, Desinfektion und Impfung. Statt „Anfang und Ende“ ließe sich auch sagen „Anfang und Erde“. Das Wort, dessen Urpsrung sich im eigenen Erdendunkel verliert, nutzen wir für alle unsere Daseinsbestimmungen. Da ist die Erde als kreisender Planet. Unser endlicher Ort im endlosen All. Da ist die Erde als Gegenstück zum Himmel, das Erdreich in Gegenüberstellung zum Himmelreich. Unser Ort als gezählte Zeit. Da ist die Erde als Grund und Boden, auf den wir treten. Unser Ort zum Geradestehen. Da ist die Erde als Ausdehnung, in ihrer ganzen Größe. Unser Ort der Einsamkeit. Da ist die Erde als Festland im Gegensatz zum Wasser. Unser Ort zum Festhalten. Da ist die Erde als Ackerland, das bearbeitet wird. Unser Ort der Ernte. Da ist die Erde als Staub, zu dem wir werden. Unser Ort als Element. Wir sind ihm gleich. …

Stichwort: Ruhe

Das neue Jahr hat begonnen. Wie voll sind die Terminkalender jetzt schon? Da unsere schon ziemlich voll sind, haben wir uns gefragt, wie eigentlich Ruhe zustande kommt und wie sie gestiftet wird. Bei der Recherche sind wir auf ein besonderes Projekt gestoßen, das uns im wortwörtlichen Sinn aufhorchen ließ. Ruhe und Stress haben beide etwas mit den Ohren zu tun. Nicht umsonst gibt es den Tinnitus … und weitgehende Forschungsprojekte dazu. Der Weg vom Stress zum klopfenden Herzen ist nicht weit. Und so finden sich enorm viele Stiftungen in diesem Themenfeld, deren Anliegen die Herzgesundheit ist. Aber was ist mit den ganz Kleinen, die Stress eigentlich noch gar nicht kennen sollten? Die noch keine Verhaltensmuster damit gelernt haben? Die schon mit schwächeren Herzen in eine stressige Welt geboren wurden? Die Paul-Nikolai-Ehlers-Stiftung unterstützt diese kleinen Menschen: mit Musiktherapie. Harmonie gegen das geschäftige Piepen und Brummen der Apparate im Krankenhaus, warme Töne gegen die oftmals mit Krankenhausaufenthalten einhergehende Einsamkeit und Kühle. Und die größeren Menschen, wie wir, können das Gleiche für sich selbst tun: zwischen dem einen …

Wort des Monats Dezember: Ausgang

das haus hat nur einen Ausgang Nimmt man das Jahr – die Zeit überhaupt, wie früher – persönlich, so geht es selbst fort. Es ist sein Ausgang als Weggang. Stellt man es sich hingegen wie ein Haus vor, das wir in den letzten zwölf Monaten bewohnten, so lässt es uns nun zu seinem einzigen Ausgang hinaus. Beides ist der Ausgang, ein kleines Wort von großem Raum. Der Ausgang reicht von der Tür nach draußen bis zum schicksalhaften Ende. Und diese Bedeutungsbreite wirft uns zum Eingang zurück. Denn der Ausgang einer Sache ist der Eingang einer Neuen. Und selbst da, wo eine Sache „nur einen Ausgang“ hat, stellt sich die Frage, wie wir ihn nehmen, den einen Ausgang – als Tür nach draußen oder als schicksalhaftes Ende.

Stichwort: Erzählen

Große Headlines und kleine Geschichten, Storytelling und Märchenstunde, Geheimnisse und Gerüchte – wir erzählen andauernd. Und wir versuchen andauernd Zuhörer zu finden. Gibt es Stiftungen, die sich für die zentrale Kulturtechnik des Erzählens einsetzen? Wir stellen einige vor.