Alle Artikel in: Wort des Monats

Wort des Monats Dezember: Apfel

… wie sie einst hängen werden am lieben Weihnachtsbaum. Der Apfel, da denkt man zunächst an die Frucht des Apfelbaums, rund und voll. Dann an alle Früchte, die einen zweiten, wenn auch weniger gebräuchlichen Namen haben, in dem der Apfel vorkommt, wie Erdapfel und Kienapfel. Und dann gibt es da noch dies kindliche Volkslied „In meinem kleinen Apfel …“, das im Grunde nicht den Apfel sondern die Kerne des Apfels besingt und damit doch wieder den Apfel selbst. Denn: Nicht nur die Frucht wurde Apfel genannt, auch der Samenbehälter bei den Blüten. Das Schöne am Wort Apfel ist, dass es einen ganzen Kreislauf in einem Wort fasst: den Samen, das Reifen und die Frucht wiederum mit Samen. Ein weihnachtliches Wort, in dem immer wieder ein Neuanfang liegt.

Wort des Monats November: Buch

Dies Wort führt unmittelbar in die heidnische Zeit. Buch ist ein großes und dabei doch so kurzes Wort. Seine sprachlichen Wurzeln liegen mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Buche. Denn ihr Holz war besonders gut geeignet, Schrift hinein zu ritzen. Das Buch als Grundlage für Schrift, zugespitzt gesagt: die Voraussetzung um überhaupt etwas Bleibendes zu äußern, „festzuhalten“. Früher waren es mehrere Tafeln, hölzerne Bretter, die zusammen gehalten wurden als ein Buch. Später waren es mehrere Blätter. Und damit bedeutet Buch auch zugleich Einheit, ein in sich geschlossenes, für sich stehendes. Daher das „Buch der Bücher“ – die Bibel, in der mehrere Bucheinheiten zusammen gefasst sind. Und daher auch die Zusammensetzungen mit denen man teilweise noch heute den Inhalt und Sinn von Büchern auf den Punkt bringt: das Bilderbuch zum Anschauen, das Gesangbuch für Lieder, das Kochbuch mit Rezepten, das Tagebuch für die täglichen Ereignisse … Das Bleibende und Dauerhafte macht auch oder gerade heute die Faszination des Buches aus. Das Sprichwort sagt es als guten Rat: Alte Bücher und Freunde soll man wert halten. Wikipedia sagt …

Wort des Monats Oktober: heimlich

aus dem heimatlichen, häuslichen entwickelt sich weiter der begriff des fremden augen entzogenen, verbogenen Es liegt so nah und wird doch kaum mehr so verwendet: heimlich heißt vertraut, den Schutz des Heims genießend. Eine durchweg positive Sache. Und von hier aus entwickelte sich die heute meist gebrauchte Bedeutung: Heimlich, das sagen wir bei bewusster Geheimhaltung kleiner bis großer Sünden. Zwischen der Geheimhaltung des Verbotenen, Gefährlichen und dem Gefühl der Geborgenheit, dem Zuhausesein liegen noch zwei weitere schöne Nuancen: Die eine wurde in Schlesien genutzt, wenn die Menschen vom heimlichen Wetter sprechen. Es ist das freundliche, heitere Wetter gemeint – eine vollkommen unverborgen, für alle wahrnehmbare gute Stimmung der Lage da draußen. Die andere ist schlicht das Versteckte, ohne den Neugierde weckenden Reiz des Verbotenen: heimliches Leid oder der heimliche Ratschlag gehören dazu. Da erhält der Schutz, der im Ursprung des Wortes liegt, seine besondere Funktion: Heimliche Dinge, die wir tun oder geschehen lassen, weil sie für sich geschehen müssen, im Vertrauten und im Vertrauen. In einer Zeit, wo so vieles öffentlich ist, ist diese Heimlichkeit …

Wort des Monats September: Reigen

ursprünglich, vom Verb reihen/reien, der reie „zuerst begegnet uns der reie in der höfischen poesie des mittelalters und bezeichnet zunächst eine bestimmte volksthümliche art des tanzes, die zur sommerzeit im freien von den bauern gepflegt wurde: die tanzenden bildeten entweder eine kette oder standen paarweise hintereinander und folgten den bewegungen eines oder mehrerer vortänzer, der den leitstab als zeichen seiner würde führte; die rhythmische bewegung schlosz sich der weise eines tanzliedes an, das zu den tönen einer geige oder mehrerer instrumente von dem vorsänger angestimmt und von den tanzenden aufgenommen wurde. der vortänzer war zugleich meist auch vorsänger, auch vorsängerinnen werden erwähnt. der reie, den die bauern springen, steht im gegensatz zu dem tanze, den hovetenzen, welche die ritterliche gesellschaft übte. der höfische tanz wird getreten, der reie gesprungen […] die einheit von tanz und gesang im reien blieb bis zum überhandnehmen der ausländischen tänze im 17. jh. bewahrt […] der alte reigen ist erhalten in einigen alterthümlichen zunfttänzen, in ländlichen tanzarten und den ringelreihen u. ähnl. der kinderwelt. Auszug aus: Deutsches Wörterbuch von Jacob …

Wort des Monats August: Blatt

Zwischen Blatt und Laub unterscheiden wir so, dass uns Blatt das einzelne, Laub die Masse der Blätter bezeichnet. Das Blatt ist ein Wort, das uns in vielen Zusammensetzungen begegnet. Vom Herzblatt bis zum Schulter- und Türblatt. Für sich, nur als Blatt, genommen, spannen Goethe und Schiller zwei seiner Hauptbedeutungen auf: „… fortgeschleudert, wie das Blatt vom Baume verlier ich mich im grenzenlosen Raume …“ So bereut und ängstigt sich Beatrice in Schillers „Braut von Messina“, und meint den verlorenen Schutzraum, die völlige Vereinzelung, den Verlust des Vertrauten. Das einzelne Blatt wird zum Symbol des Herausgerissenseins. „… nun wendet sich das Blatt, fängst wieder an zu lieben.“ So sinnt Alcest vor sich hin – bevor er entdeckt, dass sein Geld entwendet wurde und sofort seine Geliebte verdächtigt. In diesen Worten und dem Handlungsverlauf wendet sich das Blatt zweimal in sehr kurzer Zeit. … und weiter in Goethes „Die Mitschuldigen“ noch einige Male. Das einzelne Blatt wird das Symbol der Wendung, nach der die Dinge sich anders zeigen als zuvor. Die völlige Vereinzelung und die völlige Kehrtwendung …

Wort des Monats Juni: Schaum

träume sind schäume Schaum entsteht aus Bewegung. Wie die salzige Gischt auf den Wellen, der süße Schaum auf dem Wein, der schweißige Schaum vor dem Maul der Pferde. Er ist ein weiches, blasiges, zartes, immer oben schwimmendes und dabei vergängliches Gebilde. So vergänglich wie es die Redewendung sagt: Träume sind Schäume. Woher kommt die Übertragung? Die Metapher vom Schaum gehört in den Bereich der Vergänglichkeit und der Nichtigkeit alles Irdischen, seines Leides und seiner Lust (Grimmsches Wörterbuch). Da ist der Schaum der Sterblichkeit, die Wertlosigkeit mancher Lebenszeit. Da ist auch die Freude und das Glück, perlender Schaum an der Oberfläche der stürmischen Lebensfluten. Der Traum, wesenloses Schattenbild ohne Leben und Erfüllung, ist reinster Schaum. Denn der Traum entsteht aus den vergänglichen Regungen der Menschen. Sie und ihr bewegtes Leben werden Schaum, der Traum ist immer schon Schaum. Aus Schaum gemacht, von Anfang an auf der Oberfläche der Lebenswellen schwimmend, ohne Tiefgang. Vergänglich, und doch immer wieder neu aufschäumend. Immer wieder neu geträumt von uns Menschen.

Wort des Monats Juni: flicken

einem am zeuge flicken Die Redewendung „jemandem am Zeug flicken“ ist wohl noch am ehesten bekannt. Die Handarbeit des Flickens kennt man auch noch, wenngleich sie kaum mehr beherrscht wird. Dann hört es nahezu auf. Doch Flicken tauchte früher in allen möglichen sprichwörtlichen Redewendungen auf. Hier einige dieser Fundstücke aus dem Grimmschen Wörterbuch: „niemand flickt ein alt kleid mit einem lappen von neuem tuch“  „in den stand der geflickten hosen kommen“ (heiraten) „wer einen narren leret, der flicket scherben zusammen“ „und wenn der arzt schon lange dran flickt, so gehets doch endlich also‚ heute könig, morgen tod‘“ „geflickte lieb oder freundschaft wird nimmer ganz“ „sich flicken“ (sich satt essen) Reich an Bedeutungen ist flicken ein lebenserfahrenes Wort, das die Vergeblichkeit mancher „Flickschusterei“ auf sein Korn nimmt.

Wort des Monats Mai: weise

bedeutet seiner herkunft nach ‚wissend‘, und zwar zunächst‚ wissend um eine sache, erfahren, kundig‘ Jakob und Wilhelm Grimm schreiben im Deutschen Wörterbuch (1955), Band 14, was es dazu noch heute zu sagen gibt: Heute ist weise in verschiedene Bezirke auseinander gefallen, die sich gegenseitig ausschließen. Diese gegensätzlichen Spannungen geben dem heutigen Wort seine besondere Art. Sie lassen sich im Wesentlichen zurückführen auf das Auseinanderfallen von weise und wissend, von Leben und Lehre. Im Hintergrund stehen verwickelte Vorgänge im Geistesleben des Abendlandes: Die Loslösung der Wissenschaft vom Leben, die Trennung von Weisheit und Wissenschaft, die es möglich macht, dass der ‚philosoph‘, der Weise, nicht mehr weise im eigentlichen Sinne zu sein braucht, die Scheidung von weltlicher und göttlicher Weisheit (Bibel). Weise ist, wer einer Sache gewiss wird, ist und Andere weise machen kann. Nicht, Anderen etwas weis- und also vorzumachen. Allerdings setzt dies im Wortkern, und so wir würden weise werden wollen im Leben, das Talent voraus, vermeintlich getrennte Dinge umfassend zu verbinden.

Wort des Monats April: fehlen

zwei hauptbedeutungen, des irrens und mangelns Die zweite der zwei Hauptbedeutungen ist uns geläufig. Die erste ist die vielschichtige. Das Grimmsche Wörterbuch sagt auch gleich, warum das so ist: zwei hauptbedeutungen, des irrens und mangelns, deren zweite sich doch aus der ersten leitet, weil der irrende, fehlschlagende bedürftig wird und mangel empfindet. Es geht hier nicht um den kleinen Irrtum, der sich mit einem Schulterzucken abtun lässt. Etwa wenn man sich eben in der Uhrzeit geirrt hat. Gemeint sind die großen Irrtümer, das Misslingen, das völlige Verfehlen. Ein Hauch davon ist uns noch in der mitleidenden Frage geblieben: Was fehlt dir? Doch dieser Hauch weht über die Tiefe des Mangels nur warm hinweg. Ernsthaft: Was sollen Menschen auf so ein Frage antworten, wenn es ihnen an Hoffnung, Moral, Zuversicht, Vertrauen, Geboten fehlt? Also schlichtweg an dem, was Menschen brauchen, um ihr Leben so in die Hand zu nehmen, dass sie nicht fehl gehen? Zumal in einer Welt, in der es an Dingen nicht fehlt, aber an Trittsicherheit umso mehr. Da fehlt dann die Sprache, um …

Wort des Monats März: Erde

eines so durchgreifenden, altverjährten wortes ursprung verliert sich im dunkel Erde – eines der ganz wenigen Worte, die einen unvermittelt wissen lassen, dass auf sie kein Verzicht ist. Bei aller Modernität zwischen Beton, Plastik und Metall. Bei aller Hygiene, Desinfektion und Impfung. Statt „Anfang und Ende“ ließe sich auch sagen „Anfang und Erde“. Das Wort, dessen Urpsrung sich im eigenen Erdendunkel verliert, nutzen wir für alle unsere Daseinsbestimmungen. Da ist die Erde als kreisender Planet. Unser endlicher Ort im endlosen All. Da ist die Erde als Gegenstück zum Himmel, das Erdreich in Gegenüberstellung zum Himmelreich. Unser Ort als gezählte Zeit. Da ist die Erde als Grund und Boden, auf den wir treten. Unser Ort zum Geradestehen. Da ist die Erde als Ausdehnung, in ihrer ganzen Größe. Unser Ort der Einsamkeit. Da ist die Erde als Festland im Gegensatz zum Wasser. Unser Ort zum Festhalten. Da ist die Erde als Ackerland, das bearbeitet wird. Unser Ort der Ernte. Da ist die Erde als Staub, zu dem wir werden. Unser Ort als Element. Wir sind ihm gleich. …