Alle Artikel in: Wort des Monats

Wort des Monats Juni: flicken

einem am zeuge flicken Die Redewendung „jemandem am Zeug flicken“ ist wohl noch am ehesten bekannt. Die Handarbeit des Flickens kennt man auch noch, wenngleich sie kaum mehr beherrscht wird. Dann hört es nahezu auf. Doch Flicken tauchte früher in allen möglichen sprichwörtlichen Redewendungen auf. Hier einige dieser Fundstücke aus dem Grimmschen Wörterbuch: „niemand flickt ein alt kleid mit einem lappen von neuem tuch“  „in den stand der geflickten hosen kommen“ (heiraten) „wer einen narren leret, der flicket scherben zusammen“ „und wenn der arzt schon lange dran flickt, so gehets doch endlich also‚ heute könig, morgen tod‘“ „geflickte lieb oder freundschaft wird nimmer ganz“ „sich flicken“ (sich satt essen) Reich an Bedeutungen ist flicken ein lebenserfahrenes Wort, das die Vergeblichkeit mancher „Flickschusterei“ auf sein Korn nimmt.

Wort des Monats Mai: weise

bedeutet seiner herkunft nach ‚wissend‘, und zwar zunächst‚ wissend um eine sache, erfahren, kundig‘ Jakob und Wilhelm Grimm schreiben im Deutschen Wörterbuch (1955), Band 14, was es dazu noch heute zu sagen gibt: Heute ist weise in verschiedene Bezirke auseinander gefallen, die sich gegenseitig ausschließen. Diese gegensätzlichen Spannungen geben dem heutigen Wort seine besondere Art. Sie lassen sich im Wesentlichen zurückführen auf das Auseinanderfallen von weise und wissend, von Leben und Lehre. Im Hintergrund stehen verwickelte Vorgänge im Geistesleben des Abendlandes: Die Loslösung der Wissenschaft vom Leben, die Trennung von Weisheit und Wissenschaft, die es möglich macht, dass der ‚philosoph‘, der Weise, nicht mehr weise im eigentlichen Sinne zu sein braucht, die Scheidung von weltlicher und göttlicher Weisheit (Bibel). Weise ist, wer einer Sache gewiss wird, ist und Andere weise machen kann. Nicht, Anderen etwas weis- und also vorzumachen. Allerdings setzt dies im Wortkern, und so wir würden weise werden wollen im Leben, das Talent voraus, vermeintlich getrennte Dinge umfassend zu verbinden.

Wort des Monats April: fehlen

zwei hauptbedeutungen, des irrens und mangelns Die zweite der zwei Hauptbedeutungen ist uns geläufig. Die erste ist die vielschichtige. Das Grimmsche Wörterbuch sagt auch gleich, warum das so ist: zwei hauptbedeutungen, des irrens und mangelns, deren zweite sich doch aus der ersten leitet, weil der irrende, fehlschlagende bedürftig wird und mangel empfindet. Es geht hier nicht um den kleinen Irrtum, der sich mit einem Schulterzucken abtun lässt. Etwa wenn man sich eben in der Uhrzeit geirrt hat. Gemeint sind die großen Irrtümer, das Misslingen, das völlige Verfehlen. Ein Hauch davon ist uns noch in der mitleidenden Frage geblieben: Was fehlt dir? Doch dieser Hauch weht über die Tiefe des Mangels nur warm hinweg. Ernsthaft: Was sollen Menschen auf so ein Frage antworten, wenn es ihnen an Hoffnung, Moral, Zuversicht, Vertrauen, Geboten fehlt? Also schlichtweg an dem, was Menschen brauchen, um ihr Leben so in die Hand zu nehmen, dass sie nicht fehl gehen? Zumal in einer Welt, in der es an Dingen nicht fehlt, aber an Trittsicherheit umso mehr. Da fehlt dann die Sprache, um …

Wort des Monats März: Erde

eines so durchgreifenden, altverjährten wortes ursprung verliert sich im dunkel Erde – eines der ganz wenigen Worte, die einen unvermittelt wissen lassen, dass auf sie kein Verzicht ist. Bei aller Modernität zwischen Beton, Plastik und Metall. Bei aller Hygiene, Desinfektion und Impfung. Statt „Anfang und Ende“ ließe sich auch sagen „Anfang und Erde“. Das Wort, dessen Urpsrung sich im eigenen Erdendunkel verliert, nutzen wir für alle unsere Daseinsbestimmungen. Da ist die Erde als kreisender Planet. Unser endlicher Ort im endlosen All. Da ist die Erde als Gegenstück zum Himmel, das Erdreich in Gegenüberstellung zum Himmelreich. Unser Ort als gezählte Zeit. Da ist die Erde als Grund und Boden, auf den wir treten. Unser Ort zum Geradestehen. Da ist die Erde als Ausdehnung, in ihrer ganzen Größe. Unser Ort der Einsamkeit. Da ist die Erde als Festland im Gegensatz zum Wasser. Unser Ort zum Festhalten. Da ist die Erde als Ackerland, das bearbeitet wird. Unser Ort der Ernte. Da ist die Erde als Staub, zu dem wir werden. Unser Ort als Element. Wir sind ihm gleich. …

Wort des Monats Februar: Traufe

das niedertröpfeln; der tropfen; der ort des tropfenfalles, das traufrecht Die Bedeutungen des Wortes Traufe hintereinander weg gelesen ergeben einen vollständigen Wasserkreislauf mit Hausrecht. Das Wasser tröpfelt, der Tropfen fällt an der Dachkante hinunter und der Raum, den er dazu benötigt, darf nicht zugebaut werden. Die Traufe ist wie ein unsichtbares Dazwischen: Sie ist nicht Regen, aber sie entsteht durch den Regen und besteht so wie er aus Tropfen. Sie ist nicht Wetterschutz. Denn „vom Regen in die Traufe“ meint vom lockeren Schauer in den Fluss der Tropfen, die sich an der Dachkante verdichten. Und doch ist sie nah daran, Schutz zu sein, denn sie markiert den Beginn des Grundstückseigentums. Sie ist nicht das Grundstück selbst, aber sie ist doch der Ort des Tropfenfalls, der eine nachbarschaftliche Distanz mitbestimmt. Die Traufe selbst ist ein Zwischenwort, ein Zwischenton, ein Zwischenraum. Worte wie sie verdichten unsere Sprache – wie Regen sich an einer Dachkante verdichtet und herabfallend einen eigenen Raum erschafft.

Wort des Monats Januar: Wandlung

verkehr, gang, lebensführung, veränderung, rückgängigmachung usw. Die Wandlung geht zurück auf das Verb wandeln. Die ganz ursprüngliche, einfache Bedeutung meint das Hin- und Hergehen. Der Schritt als äußerer Ausdruck des inneren Vorgangs: auf etwas zugehen oder von etwas weggehen, sich abwenden oder zuwenden. Die Wandlung in ihrer tiefsten, komplexesten Bedeutung umfasst in Entsprechung die größte Wandlung, die ein Mensch nehmen kann: die Religiöse. Gemessen an allen weiteren Bedeutungen zwischen der äußeren und der inneren Wandlung, wird deutlich wie sehr das Hin- und Hergehen immer Teil des Lebens bleibt. Im „verkehr“, das heißt dem Umgang zwischen Menschen und dem Umgang zwischen Mensch und Gott erfolgt immer wieder eine Wandlung, auch ein Justieren. Ebenso in der Lebensführung, in der menschlichen Fähigkeit, nicht nur äußere Umstände, sondern auch sich selbst zu verändern: etwas rückgängig machen, von vorn anfangen oder weiter gehen. Das neue Jahr beginnt mit einer Wandlung. Weil jedes neue Jahr die Menschen mit der Hoffnung erfüllt, dass Veränderung möglich ist. Und weil Veränderung andauernd ist und sein kann, geht die Wandlung noch viel weiter, dauert an, …

Wort des Monats Dezember: Ausgang

das haus hat nur einen Ausgang Nimmt man das Jahr – die Zeit überhaupt, wie früher – persönlich, so geht es selbst fort. Es ist sein Ausgang als Weggang. Stellt man es sich hingegen wie ein Haus vor, das wir in den letzten zwölf Monaten bewohnten, so lässt es uns nun zu seinem einzigen Ausgang hinaus. Beides ist der Ausgang, ein kleines Wort von großem Raum. Der Ausgang reicht von der Tür nach draußen bis zum schicksalhaften Ende. Und diese Bedeutungsbreite wirft uns zum Eingang zurück. Denn der Ausgang einer Sache ist der Eingang einer Neuen. Und selbst da, wo eine Sache „nur einen Ausgang“ hat, stellt sich die Frage, wie wir ihn nehmen, den einen Ausgang – als Tür nach draußen oder als schicksalhaftes Ende.

Wort des Monats November: Behagen

dies schöne, wollautige wort scheint in unserer sprache nie allgemein durchgedrungen Auch wenn dies Wort immer ein wenig fremd geblieben ist, einer seiner Ursprünge ist uns recht alltäglich: der Hag. Wir nennen ihn nur nicht so. Der Hag ist für uns heute ganz prosaisch das Grundstück, der Garten, der Besitz und ähnliches. Alles das, was wir einzäunen oder mit Hecken umgeben. Das Behagen erinnert uns daran, dass jeder von uns selbst ein Hag ist. Etwas, das gepflegt, umhegt, umgrenzt sein will. Nicht nur, aber auch um des Behagens willen. Denn dies, die Zufriedenheit, Freude, das frohe Gefühl, die stille innige Kraft – alles das bedeutet das Behagen – geht uns ja doch oft genug verloren in einer lauten, unruhigen Welt. Wahrscheinlich weil der Hag uns fehlt, die Umfriedung, die Grenze zur Unruhe. Zeit also, sich an „dies schöne wollautige wort“ zu erinnern und selbst Hag zu sein.