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Wort des Monats Oktober: heimlich

aus dem heimatlichen, häuslichen entwickelt sich weiter der begriff des fremden augen entzogenen, verbogenen

Es liegt so nah und wird doch kaum mehr so verwendet: heimlich heißt vertraut, den Schutz des Heims genießend. Eine durchweg positive Sache. Und von hier aus entwickelte sich die heute meist gebrauchte Bedeutung: Heimlich, das sagen wir bei bewusster Geheimhaltung kleiner bis großer Sünden. Zwischen der Geheimhaltung des Verbotenen, Gefährlichen und dem Gefühl der Geborgenheit, dem Zuhausesein liegen noch zwei weitere schöne Nuancen: Die eine wurde in Schlesien genutzt, wenn die Menschen vom heimlichen Wetter sprechen. Es ist das freundliche, heitere Wetter gemeint – eine vollkommen unverborgen, für alle wahrnehmbare gute Stimmung der Lage da draußen. Die andere ist schlicht das Versteckte, ohne den Neugierde weckenden Reiz des Verbotenen: heimliches Leid oder der heimliche Ratschlag gehören dazu. Da erhält der Schutz, der im Ursprung des Wortes liegt, seine besondere Funktion: Heimliche Dinge, die wir tun oder geschehen lassen, weil sie für sich geschehen müssen, im Vertrauten und im Vertrauen. In einer Zeit, wo so vieles öffentlich ist, ist diese Heimlichkeit eine besondere Entdeckung.

Stichwort: Erntedank

„Für mich ist die dankbare Zeit des Erntens gekommen“, so sagt es mir ein über achtzigjähriger Herr, gelassen, froh und zufrieden. Ich habe zuvor nie daran gedacht, dass Erntedank auch das ist: Sich zum Ende des Lebens hin, Ruhe zu nehmen und die Früchte des eigenen Lebens dankbar anzusehen. Eine Lebenseinstellung, die ihre Zeit hat. Dies und noch viel mehr ist Erntedank.

Das Erntedankfest ist eines der schönsten, finde ich. Weil es so wunderbar erdet, zum Wesentlichen zurückkehrt. Auch, weil es eines der ältesten Feste der Menschen überhaupt ist – auf der ganzen Welt. Kein Wunder: Es nimmt ja nicht viel Mühe in Anspruch zu überlegen, wofür man danken kann … Auch wenn die wenige Mühe in starkem Kontrast zu der Seltenheit steht, in der man es tut. Das ist auch etwas schönes: Erntedank erinnert daran zu danken, wie der Knoten im Taschentuch.

Stiftungen haben natürlich eine Menge Gründe für Ernte, Dank und Erntedank. Gefeiert wird verschieden, je nach Region. Offiziell ist am 6. Oktober der Tag des Erntedanks, auch hier gibt es aber Unterschiede und mancherorts findet es schon am 29. September statt. Hoffentlich findet jede und jeder seinen Erntedankort und – viel wichtiger – seinen Erntedankgrund.

Zahl des Monats September: 68

„Insgesamt ist es um die Akzeptanz von Vielfalt in Deutschland überall recht gut bestellt. Auf einer Skala von 0 bis 100 erreicht die Akzeptanz von Vielfalt für die gesamt- deutsche Stichprobe einen Wert von 68.“ heißt es in „Zusammenhalt in Vielfalt. Das Vielfaltsbarometer 2019 der Robert Bosch Stiftung“; Seite 47 ff.

Quelle: https://www.bosch-stiftung.de/sites/default/files/publications/pdf/2019-03/Vielfaltsbarometer%202019_Studie%20Zusammenhalt%20in%20Vielfalt.pdf

Wort des Monats September: Reigen

ursprünglich, vom Verb reihen/reien, der reie

zuerst begegnet uns der reie in der höfischen poesie des mittelalters und bezeichnet zunächst eine bestimmte volksthümliche art des tanzes, die zur sommerzeit im freien von den bauern gepflegt wurde: die tanzenden bildeten entweder eine kette oder standen paarweise hintereinander und folgten den bewegungen eines oder mehrerer vortänzer, der den leitstab als zeichen seiner würde führte; die rhythmische bewegung schlosz sich der weise eines tanzliedes an, das zu den tönen einer geige oder mehrerer instrumente von dem vorsänger angestimmt und von den tanzenden aufgenommen wurde. der vortänzer war zugleich meist auch vorsänger, auch vorsängerinnen werden erwähnt. der reie, den die bauern springen, steht im gegensatz zu dem tanze, den hovetenzen, welche die ritterliche gesellschaft übte. der höfische tanz wird getreten, der reie gesprungen […] die einheit von tanz und gesang im reien blieb bis zum überhandnehmen der ausländischen tänze im 17. jh. bewahrt […] der alte reigen ist erhalten in einigen alterthümlichen zunfttänzen, in ländlichen tanzarten und den ringelreihen u. ähnl. der kinderwelt.

Auszug aus: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Achter Band, Leipzig Verlag von S. Hirzel 1893, Sp. 644

Stichwort: Vorlesen

Ich sage zu meinem Sohn: „Siehst du, das ist perfekt mit der Schule, bald kannst du alles selber lesen!“ Und mein Sohn antwortet mir: „Du sollst mir aber vorlesen!“ Zeit, um drüber nachzudenken, was es mit dem Vorlesen so für sich hat und außerdem gibt es ja auch den aktuellen Anlass …

Der aktuelle Anlass ist streitbar. Es handelt sich um die geplante Aktion der Stiftung Lesen zum diesjährigen Weltkindertag. Nun ja, es muss jeder selbst beurteilen, was sie/*/er davon halten möchte.

Eines wird jedenfalls deutlich: Das Vorlesen hat eine ganz andere Dimension als das (selbst) Lesen und als das Bücherverschenken. Es gibt eine ganze Reihe von gemeinnützigen Bemühungen, die das Lesen fördern. Es gibt auch eine ganze Reihe von gemeinnützigen Bestrebungen, Bücher unter die Leute zu bringen. Und es gibt die, die das Vorlesen fördern. Warum das extra?

Ich persönlich glaube, dass das Vorlesen etwas mit uns macht, was die beiden anderen Sachen nicht können: Vorlesen schafft ein Universum um mindestens zwei Menschen. Einen, der liest. Mindestens einen, der zuhört. Es ist also im Grunde eine Art zwischenmenschliche Beziehung. Keine zu einem Ding, wie dem Buch. Und zwischen diesen zweien oder mehreren bildet sich eine Welt, ein Raum voller Geheimnisse, voll Phantasie, voll Stimme und Stimmung, voll Halskratzen vielleicht auch und voll Aufmerksamkeit. Klingt nach ziemlich wertvoller Zeit, ziemlich selten auch. Denn Vorlesen geht halt nur, wenn auch zwei Leute mindestens Zeit haben – zum Lesen und zum Zuhören. Und dann auch noch live, sprich: nicht wiederholbar, nicht reproduzierbar im technischen Sinne – eine einmalige Zeit.

Deshalb ist es schön, dass Stiftungen sich des Themas annehmen: Und man kann sagen, was man will. Die Stiftung Lesen ist diejenige, welche auch tatsächlich richtig viel rund um dieses Thema macht, beispielsweise:

Aus aktuellem Anlass ist es schön zu wissen, dass die Stiftung Lesen noch weitaus mehr kann und tut, als die Sache mit Amazon. Ich wünsche ihr noch mehr von den guten Ideen und mir wünsche ich mehr Zeit zum Vorlesen, auch dann noch, wenn mein Sohn schon lesen kann!

Wort des Monats August: Blatt

Zwischen Blatt und Laub unterscheiden wir so, dass uns Blatt das einzelne, Laub die Masse der Blätter bezeichnet.

Das Blatt ist ein Wort, das uns in vielen Zusammensetzungen begegnet. Vom Herzblatt bis zum Schulter- und Türblatt. Für sich, nur als Blatt, genommen, spannen Goethe und Schiller zwei seiner Hauptbedeutungen auf:

„… fortgeschleudert, wie das Blatt vom Baume

verlier ich mich im grenzenlosen Raume …“

So bereut und ängstigt sich Beatrice in Schillers „Braut von Messina“, und meint den verlorenen Schutzraum, die völlige Vereinzelung, den Verlust des Vertrauten. Das einzelne Blatt wird zum Symbol des Herausgerissenseins.

„… nun wendet sich das Blatt, fängst wieder an zu lieben.“

So sinnt Alcest vor sich hin – bevor er entdeckt, dass sein Geld entwendet wurde und sofort seine Geliebte verdächtigt. In diesen Worten und dem Handlungsverlauf wendet sich das Blatt zweimal in sehr kurzer Zeit. … und weiter in Goethes „Die Mitschuldigen“ noch einige Male. Das einzelne Blatt wird das Symbol der Wendung, nach der die Dinge sich anders zeigen als zuvor.

Die völlige Vereinzelung und die völlige Kehrtwendung stecken in dem kleinen Wörtchen. Und oft genug steckt beides in uns Menschen.

Wort des Monats Juni: Schaum

träume sind schäume

Schaum entsteht aus Bewegung. Wie die salzige Gischt auf den Wellen, der süße Schaum auf dem Wein, der schweißige Schaum vor dem Maul der Pferde. Er ist ein weiches, blasiges, zartes, immer oben schwimmendes und dabei vergängliches Gebilde. So vergänglich wie es die Redewendung sagt: Träume sind Schäume. Woher kommt die Übertragung? Die Metapher vom Schaum gehört in den Bereich der Vergänglichkeit und der Nichtigkeit alles Irdischen, seines Leides und seiner Lust (Grimmsches Wörterbuch). Da ist der Schaum der Sterblichkeit, die Wertlosigkeit mancher Lebenszeit. Da ist auch die Freude und das Glück, perlender Schaum an der Oberfläche der stürmischen Lebensfluten. Der Traum, wesenloses Schattenbild ohne Leben und Erfüllung, ist reinster Schaum. Denn der Traum entsteht aus den vergänglichen Regungen der Menschen. Sie und ihr bewegtes Leben werden Schaum, der Traum ist immer schon Schaum. Aus Schaum gemacht, von Anfang an auf der Oberfläche der Lebenswellen schwimmend, ohne Tiefgang. Vergänglich, und doch immer wieder neu aufschäumend. Immer wieder neu geträumt von uns Menschen.